# Unterwanderung, Demoralisierung, Destabilisierung, Krise, Normalisierung: Das Besmenow-Modell unter der Lupe
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Vier Wörter, vier Zeitspannen, eine Prophezeiung: Das Modell der „ideologischen Subversion“, das Juri Besmenow 1984 darlegte, passt in eine Minute Video – das erklärt seinen Erfolg. Vollständig gelesen ist der Text jedoch seltsamer, zeitgebundener und widersprüchlicher als seine viralen Ausschnitte. Er enthält aber auch eine Einsicht, die es wert ist, bewahrt zu werden.
Von Paul-Michel Manandise · 19. Oktober 2026 · CEAS Editorial Cell - Paul-Michel Manandise
Aus dem Französischen übersetzt. Ursprünglich veröffentlicht bei CEAS: https://www.ceas.info/publication/modele-de-bezmenov-demoralisation-destabilisation-crise-normalisation
# Zentrale Befunde
- Besmenow selbst beschreibt die ideologische Subversion als „legitimen, offenkundigen und offenen“ Prozess, der „nichts mit Spionage zu tun“ habe, und schreibt den Großteil der Demoralisierung den Amerikanern selbst zu.
- Das Interview ist ein Wahlkampfdokument von 1984, das sich namentlich gegen Walter Mondale richtet; seine zentralen Vorhersagen sind nicht eingetreten.
- Die Aufteilung „15 % Spionage, 85 % Subversion“ stellt Besmenow als Meinung dar; laut Boghardt sollten die Offiziere der Ersten Hauptverwaltung 25 % ihrer Zeit auf aktive Maßnahmen verwenden.
- Die Dauer der Phasen schwankt je nach Besmenow-Text, und es wurde nie ein sowjetisches Dokument vorgelegt, das diese vier Phasen beschreibt.
- Das Modell ist nicht falsifizierbar: Jeder Einwand kann der „Demoralisierung“ dessen zugeschrieben werden, der ihn erhebt.
- Die von mir vorgeschlagene Phase der Unterwanderung hinterlässt dokumentierbare Spuren, muss aber denselben Beweisanforderungen genügen.
- Die bewahrenswerte Einsicht – Erschöpfung statt Überzeugung – ist von RAND (2016) und CAPS/IRSEM (2018) belegt.
# Was der Text wirklich sagt
Nehmen wir das Transkript des Interviews mit G. Edward Griffin. Besmenow beschreibt darin einen „großen Gehirnwäscheprozess“, der „sehr langsam voranschreitet“ und in „vier Grundphasen“ unterteilt ist (Übersetzungen des Autors).
Besmenow beschreibt darin einen „großen Gehirnwäscheprozess“, der „sehr langsam voranschreitet“ und in „vier Grundphasen“ unterteilt ist (Übersetzungen des Autors).
Die Demoralisierung dauere „fünfzehn bis zwanzig Jahre“, also die Zeit, die nötig ist, um eine Generation von Studenten heranzubilden, die der Ideologie des Feindes ausgesetzt sind. Ihm zufolge wurde die marxistisch-leninistische Ideologie „mindestens drei Generationen amerikanischer Studenten“ eingeimpft, deren Absolventen der 1960er-Jahre nun Machtpositionen innehätten; sie seien „kontaminiert“, „programmiert“, und der Prozess sei „vollständig und unumkehrbar“.
Die Destabilisierung dauere „zwei bis fünf Jahre“ und ziele auf „das Wesentliche“: Wirtschaft, Außenbeziehungen, Verteidigungssysteme.
Die Krise könne in „nur sechs Wochen“ eintreten. Die Normalisierung schließlich könne „unbegrenzt andauern“. Das Wort, erinnert er, stammt aus der sowjetischen Propaganda: Nach dem Einmarsch der Panzer in Prag 1968 hatte Breschnew erklärt, die Lage in der „Bruder“-Tschechoslowakei sei „normalisiert“.
Der tschechoslowakische Bezug ist das solideste Element des Modells. Der Rest erfordert mehrere Anmerkungen.
# Erste Überraschung: eine „offene“ Subversion
In den sozialen Netzwerken sieht man darin eine geheime Verschwörung. Doch in derselben Antwort erklärt er, die ideologische Subversion sei ein „legitimer, offenkundiger und offener“ Prozess, den man „mit eigenen Augen sehen“ könne, und sie habe „nichts mit Spionage zu tun“. Weiter unten präzisiert er, die Demoralisierung sei im Wesentlichen das Werk „von Amerikanern an Amerikanern“, mangels „moralischer Maßstäbe“.
Das Modell beschreibt also weniger eine KGB-Operation als ein moralisches und politisches Urteil über die amerikanische Gesellschaft der 1960er- bis 1980er-Jahre, in der der Großteil der Arbeit von inneren Kräften erledigt werde: Universitäten, Medien, Gegenkultur. Gerade diese Verschiebung macht das Modell so leicht wiederverwertbar: Es erlaubt, missbilligte gesellschaftliche Entwicklungen einer ausländischen „Subversion“ zuzuschreiben, ohne die ausländische Einflussnahme nachweisen zu müssen.
# Zweite Überraschung: ein stark zeitgebundener Text
Das Interview ist ein Wahlkampfdokument im wörtlichen Sinne. Besmenow zielt darin namentlich auf Walter Mondale, damals demokratischer Präsidentschaftskandidat 1984, den er zu den „wohlwollenden Diktatoren“ zählt, die alles versprechen und nach Moskau reisen würden, um sich „einer neuen Generation sowjetischer Mörder“ zu unterwerfen. Er behauptet, die Vereinigten Staaten befänden sich in einem „totalen, unerklärten Krieg“ gegen „das kommunistische Weltsystem oder die kommunistische Weltverschwörung“, und sagt den Amerikanern voraus, ihnen blieben „buchstäblich nur noch ein paar Jahre zu leben“, wenn das Land nicht aufwache.
Nichts davon ist eingetreten. Mondale verlor, die UdSSR brach sieben Jahre später zusammen, und die Vereinigten Staaten erlebten weder eine sechswöchige „Krise“ noch eine marxistisch-leninistische „Normalisierung“. Ein Modell, das alles vorhersagt und dessen zentrale Vorhersage gescheitert ist, sollte zumindest zur Vorsicht mahnen.
# Drittes Problem: Zahlen ohne Quelle
Die berühmte Aufteilung „15 % Spionage, 85 % Subversion“ stellt Besmenow selbst als Meinung dar: „nach meiner Meinung und der Meinung vieler Überläufer meines Kalibers“. Er stützt sich auf kein Dokument. Die Archive zeichnen ein anderes Bild, auch wenn sie nicht genau dasselbe messen: Der Historiker Thomas Boghardt (Studies in Intelligence, 2009) gibt an, dass jeder Offizier der Ersten Hauptverwaltung des KGB (Auslandsaufklärung) 25 % seiner Zeit auf aktive Maßnahmen verwenden sollte.
Auch die Zeitspannen schwanken: „sechs Wochen“ Krise im Interview, zwei bis sechs Monate in Love Letter to America, das im selben Jahr erschien, laut Wikipedia-Eintrag. Das sind rhetorische Größenordnungen, keine dokumentierte Doktrin. Kein sowjetisches Handbuch, das diese vier Phasen beschreibt, wurde je als Beleg vorgelegt.
# Viertes Problem: ein nicht falsifizierbares Modell
Der Kern der Argumentation lautet: Ein demoralisierter Mensch ist unfähig, eine wahre Information zu bewerten. „Die Fakten sagen ihm nichts“, selbst wenn man ihn mit Beweisen, Dokumenten und Fotos überhäuft. Der Gedanke ist stark, hat aber eine logische Kehrseite: Wenn jeder, der das Modell bestreitet, als „demoralisiert“ bezeichnet werden kann, wird das Modell unwiderlegbar. Jeder Einwand wird zum Beweis für die „Kontamination“ dessen, der ihn erhebt. Das ist die Grundstruktur verschwörungstheoretischen Denkens.
# Eine fünfte Phase: die Unterwanderung
Ich selbst habe auf diesem Blog vorgeschlagen, dieses Schema zu ergänzen. In „Die fünf Phasen der ideologischen Subversion“ (30. November 2025) und danach in „Die Unterwanderung, erste reale Phase der ideologischen Subversion“ (2. Dezember 2025) habe ich die Auffassung vertreten, dass Besmenows vier Phasen eine Vorphase voraussetzen, die ich an den Anfang gestellt habe: die Unterwanderung. Ich definierte sie als „die systematische und diskrete Einschleusung von Personen oder Netzwerken oder finanziellen Mitteln und vorbereitenden ideologischen Konzepten in die lebenswichtigen Mechanismen der gegnerischen Gesellschaft“. Das Zentrum für Information und Analyse der nationalen Sicherheit der Ukraine, in dem ich die Abteilung für internationalen Einfluss und Kultur leite, hatte diese Lesart bereits am 20. Oktober 2025 vorgestellt.
Der Wert dieser Ergänzung ist zunächst methodisch. Eine Demoralisierung wird dekretiert; eine Unterwanderung hinterlässt Spuren. Verdeckte Finanzierungen, Briefkastenfirmen, Netzwerke koordinierter Konten, als Sprachrohre gegründete Medien: All das lässt sich durch Aufklärung aus offenen Quellen und die Analyse von Finanzströmen dokumentieren.
Dieselbe Beweisanforderung gilt für mein Modell. Auf identifizierte Akteure und nachgewiesene Finanzkreisläufe angewandt, ist die Unterwanderung eine Ermittlungskategorie; ohne Beweis auf Ideen oder kulturelle Entwicklungen angewandt, die man missbilligt, fiele sie in die oben beschriebene Falle der Nichtfalsifizierbarkeit zurück.
# Was bewahrt werden sollte
Muss man alles verwerfen? Nein. Besmenow formuliert eine Einsicht, die die Forschung ihrerseits belegt hat: Das Ziel mancher Einflussoperationen ist nicht zu überzeugen, sondern zu erschöpfen. Die „Wahrnehmung der Wirklichkeit“ so weit „zu verändern“, dass „trotz einer Fülle von Informationen“ niemand mehr in der Lage ist, zu einem Schluss zu kommen.
2016 beschrieben die Forscher Christopher Paul und Miriam Matthews von der RAND Corporation die heutige russische Propaganda als „Feuerwehrschlauch der Unwahrheiten“ (firehose of falsehood): hohes Volumen, Vielzahl von Kanälen, schnelle und repetitive Verbreitung und Gleichgültigkeit gegenüber Kohärenz. Der Bericht von CAPS/IRSEM aus dem Jahr 2018 kommt zu einem ähnlichen Schluss: Nach den von seinen Autoren geführten Gesprächen bestehe die Hauptwirkung der Manipulationen „nicht darin, Meinungen zu ändern, sondern Zweifel und Verwirrung zu säen“.
Der Unterschied ist entscheidend. Bei RAND oder CAPS ist Demoralisierung eine mögliche, zu messende Wirkung identifizierbarer Kampagnen. Bei Besmenow ist sie ein Zustand der gesamten Gesellschaft, der ohne Messung dekretiert wird. Ersteres ermöglicht Handeln; Letzteres erlaubt nur, Schuldige zu benennen.
Besmenow im Jahr 2026 zu lesen heißt, die Frage zu behalten (wie verliert eine Gesellschaft die Fähigkeit, sich über Fakten zu verständigen?) und die vorgefertigte Antwort aufzugeben (die Schuld des inneren Feindes). Der nächste Beitrag wird untersuchen, was die KGB-Archive tatsächlich über „aktive Maßnahmen“ aussagen.
# Grenzen & Unsicherheiten
Die Zitate Besmenows wurden vom Autor nach dem englischen Transkript übersetzt.
Der Vergleich zwischen 85 % und 25 % betrifft Größen, die nicht genau dasselbe messen.
Die Zusammenfassung der Zeitspannen aus Love Letter to America stammt aus dem Wikipedia-Eintrag.
Der Autor kommentiert hier sein eigenes Fünf-Phasen-Modell, was besondere Wachsamkeit des Lesers erfordert.
# Methodische Anmerkung
Die Analyse stützt sich auf das vollständige Transkript des Interviews von 1984, die Studie von Thomas Boghardt (Studies in Intelligence, 2009), den RAND-Bericht von Christopher Paul und Miriam Matthews (2016), den Bericht von CAPS/IRSEM (2018) und zwei Beiträge des Autors im Club de Mediapart (30. November und 2. Dezember 2025). Zitate aus englischsprachigen Quellen wurden vom Autor übersetzt. Dritter Beitrag der Serie 1.
# Quellen & Referenzen
- Yuri Bezmenov – G. Edward Griffin, interview (1984), transcript: https://www.fisheaters.com/srpdf/bezmenovinterview.pdf
- “Yuri Bezmenov”, Wikipedia (EN) – Love Letter to America (1984): https://en.wikipedia.org/wiki/Yuri_Bezmenov
- Thomas Boghardt, “Operation INFEKTION: Soviet Bloc Intelligence and Its AIDS Disinformation Campaign”, Studies in Intelligence, 53/4, 12.2009: https://www.cia.gov/resources/csi/static/1-Operation_INFEKTION_Soviet_Bloc_AIDS_Disinformation_Campaign.pdf
- Christopher Paul, Miriam Matthews, The Russian “Firehose of Falsehood” Propaganda Model, RAND Corporation, 2016: https://www.rand.org/pubs/perspectives/PE198.html
- CAPS/IRSEM, Les manipulations de l’information : un défi pour nos démocraties, 2018: https://www.irsem.fr/storage/file_manager_files/2025/03/les-manipulations-de-l-information.pdf
- Paul-Michel Manandise, « Les Cinq Phases de la Subversion Idéologique », Club de Mediapart, 30.11.2025: https://blogs.mediapart.fr/1759733/blog/301125/les-cinq-phases-de-la-subversion-ideologique-par-le-colonel-paul-michel-manandise
- Paul-Michel Manandise, « L’Infiltration, première phase réelle de la subversion idéologique », Club de Mediapart, 02.12.2025: https://blogs.mediapart.fr/1759733/blog/021225/linfiltration-premiere-phase-reelle-de-la-subversion-ideologique
- Centre d’information et d’analyse de la sécurité nationale de l’Ukraine, « La 5eme phase… », 20.10.2025: https://mediarnbo.com/fr/2025/10/20/la-5eme-phase-trouvaille-historique-dans-la-subversion-ideologique-il-ny-a-pas-4-mais-5-phases-dans-la-subversion-ideologique/
Paul-Michel Manandise – CEAS, Centre Européen d’Analyse Stratégique – ceas.info
Originalartikel: https://www.ceas.info/publication/modele-de-bezmenov-demoralisation-destabilisation-crise-normalisation