# Juri Besmenow, ein posthumer Prophet
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Er starb 1993 im kanadischen Windsor, fast unbemerkt. Dreißig Jahre später werden seine Vorträge millionenfach angesehen und von Sicherheitsexperten ebenso zitiert wie von Impfgegnern oder republikanischen Abgeordneten. Wer war Juri Besmenow wirklich? Die Akten der kanadischen Dienste, die CBC News erhalten hat, zeichnen ein weit komplexeres Bild als das des „geläuterten KGB-Mannes“, das in den sozialen Netzwerken kursiert.
Von Paul-Michel Manandise · 18. Oktober 2026 · CEAS Editorial Cell
Aus dem Französischen übersetzt. Ursprünglich veröffentlicht bei CEAS: https://www.ceas.info/publication/yuri-bezmenov-prophete-posthume
# Zentrale Befunde
- Besmenow war Journalist der Agentur Nowosti und nach eigenen Angaben Mitarbeiter des KGB, nicht aber KGB-Offizier im engeren Sinne.
- Kanada nahm ihn 1970 „als Gefallen“ für die US-Dienste auf, unter der Identität Thomas David Schuman.
- Seine Darstellung seines Ausscheidens bei Radio Canada International (eine von Pierre Elliott Trudeau verlangte Entlassung) wird von den Akten widerlegt: Sie zeigen, dass er seinen Rücktritt selbst ankündigte.
- 1978 kam die RCMP zu dem Schluss, er habe „jede Glaubwürdigkeit verloren“; diese Urteile sagen nichts über die Richtigkeit seiner Analysen aus, widersprechen aber dem Bild eines anerkannten Experten.
- Das Interview von 1984 entstand in einem aktivistischen Umfeld (G. Edward Griffin, Vorträge im Umfeld der John Birch Society), nicht in einem journalistischen oder akademischen Rahmen.
- Sein Ruhm ist posthum und digital: Trailer von Call of Duty (2020), Zitate in der Forschung, Wiederverwertung durch Impfgegner während der Pandemie.
# Ein Orientalist im Dienst von Nowosti
Juri Alexandrowitsch Besmenow wird 1939 in Mytischtschi bei Moskau geboren. Als Sohn eines hohen Offiziers der Sowjetarmee besucht er das Institut für orientalische Sprachen, spezialisiert sich auf die indische Kultur und arbeitet ab 1963 in Indien als Übersetzer für ein sowjetisches Wirtschaftshilfeprogramm. 1965 kommt er zur Presseagentur Nowosti (APN), dem Aushängeschild der sowjetischen Auslandskommunikation.
Hier beginnt die Verwirrung, die seine Bewunderer seither pflegen. Besmenow war kein KGB-Offizier im engeren Sinne. Er war Journalist einer staatlichen Propagandaagentur und nach eigenen Angaben Mitarbeiter und Informant des KGB. Später sollte er behaupten, drei Viertel der Nowosti-Belegschaft seien in Wahrheit KGB-Offiziere gewesen, der Rest kooptierte Mitarbeiter wie er selbst. Diese Behauptungen, die auch sein Wikipedia-Eintrag wiedergibt, wurden nie unabhängig bestätigt. Die CBC-Recherche spricht nüchterner von einem Nowosti-„Operateur“ in Indien, der „Aufgaben für den KGB erledigte“.
Die CBC-Recherche spricht nüchterner von einem Nowosti-„Operateur“ in Indien, der „Aufgaben für den KGB erledigte“.
# Die Flucht, ein Spionageroman
1969 ist er erneut in Neu-Delhi stationiert, an der sowjetischen Botschaft. Anfang Februar 1970 verschwindet er. Ein vertrauliches Telegramm der kanadischen Vertretung in Neu-Delhi vom 10. Februar 1970, das CBC zitiert, vermerkt, die indische Presse berichte vom Verschwinden eines 31-jährigen sowjetischen Presseattachés, der im Verdacht stehe, in den Westen überlaufen zu wollen.
Nach eigener Schilderung verkleidete er sich als Hippie, um dem KGB zu entkommen, und wurde dann von der CIA übernommen, die ihn angeblich sechs Monate lang in Athen befragte. Auf sowjetischer Seite war die Verlegenheit groß: Laut den Historikern Christopher Andrew und Wassili Mitrochin meldete die KGB-Residentur in Delhi nach Moskau, er sei entführt worden – um das Gesicht zu wahren –, und sein Sohn erhielt eine finanzielle Entschädigung.
In einem Punkt widerlegen die kanadischen Akten die Legende. 1970 nahm Kanada Besmenow nicht aus Überzeugung auf, sondern „als Gefallen“ für die US-Dienste. Am 20. April 1970 billigte der Generaldirektor des Sicherheitsdienstes der Royal Canadian Mounted Police (RCMP) diese Entscheidung. Ein RCMP-Vermerk vom 26. Juni 1970 legte seine neue Identität fest: Thomas David Schuman. Ein Verantwortlicher warnte vor dem Risiko, sich auf eine „Babysitter“-Operation einzulassen, die zu „enormem Kopfzerbrechen“ führen könne.
# Radio Canada, der Alkohol und der Bruch
Besmenow trifft im Juli 1970 in Toronto ein. Zunächst ist er Korrektor bei der Globe and Mail, arbeitet auf einer Farm in Ontario und erhält 1972 eine Stelle im russischen Dienst von Radio Canada International (RCI), das auf Kurzwelle in den Ostblock sendet – eingestellt, laut einem Bericht des Canadian Security Intelligence Service (CSIS), „auf Empfehlung“ des RCMP-Sicherheitsdienstes.
Das Verhältnis zu seinen Kollegen verschlechtert sich rasch. Er vermutet sowjetische Unterwanderung, manche Kollegen verdächtigen ihrerseits ihn, ein Spion zu sein. Die Berichte seiner Führungsoffiziere beschreiben einen „deprimierten und unglücklichen“ Menschen und Alkoholexzesse. Am 9. März 1976 verlässt er RCI. Später wird er erzählen, er sei auf Verlangen von Premierminister Pierre Elliott Trudeau nach einer Beschwerde des sowjetischen Botschafters entlassen worden; die Akten hingegen zeigen, dass er seinem Führungsoffizier selbst seinen Rücktritt ankündigte, mit der Begründung, er sei für die Leitung zu einem „Störfaktor“ geworden.
Im April 1976 erzählt er der Vancouver Sun von seiner Flucht und lässt damit seine Tarnung auffliegen. Die kanadischen Dienste gehen auf Distanz. Ein RCMP-Bericht von 1978 kommt zu dem Schluss, er habe „jede Glaubwürdigkeit verloren“, liefere „nichts Substanzielles“ und sei „eine Last“ geworden. 1980 beschreibt ihn ein weiterer Bericht als „körperlich und sozial heruntergekommen“ und in Verbindung mit „unbedeutenden Randgruppen“. Diese Urteile stammen von Diensten mit eigenen Interessen, insbesondere dem Vermeiden politischer Peinlichkeiten; über die Richtigkeit seiner Analysen sagen sie nichts. Doch sie widersprechen dem Bild eines vom westlichen Nachrichtendienst anerkannten Experten.
# Los Angeles, die John Birch Society und Griffins Kamera
Anfang der 1980er-Jahre lässt sich Besmenow in Los Angeles nieder. Er nähert sich der Vereinigungskirche von Reverend Moon und der John Birch Society an, einer rechtsextremen antikommunistischen Organisation, für die er laut seiner Ex-Frau und den von CBC zitierten Akten in den ganzen USA Vorträge hält. 1984 auf diese Verbindung angesprochen, antwortete er, er sei kein Mitglied und stimme nicht mit allem überein, was sie sage; die Nutzung dieser Podien rechtfertigte er damit, dass die großen Medien ihm kein Gehör schenkten – so die Baltimore Sun, zitiert nach Wikipedia.
In dieser Zeit veröffentlicht er unter dem Namen Tomas Schuman Love Letter to America (1984) und nimmt das Interview mit G. Edward Griffin auf, den CBC als „prominenten Verschwörungstheoretiker“ aus den USA vorstellt. Die Wahl des Gesprächspartners ist nicht belanglos: Das Dokument, auf dem Besmenows Ruf heute beruht, entstand in einem aktivistischen Umfeld, nicht in einem journalistischen oder akademischen Rahmen.
Sein Lebensende ist düster. Eine Zeit lang lebt er in der Garage eines Freundes in Denver, kehrt 1990 nach Kanada zurück, macht in Windsor eine Entziehungskur und unterrichtet an der örtlichen Universität Öffentlichkeitsarbeit. Er stirbt am 5. Januar 1993. Der Windsor Star berichtete damals von einem Herzinfarkt; seine Familie spricht gegenüber CBC von einer Methanolvergiftung, der Coroner stufte den Tod als „Unfall“ ein. Auf seinem Grabstein steht der Name Tomas Schuman.
# Eine digitale Auferstehung
Zu Lebzeiten war der Prophet gescheitert. Seine Tochter Tania Steinbach erzählt CBC, er habe „sich als Prophet gesehen“ und meistens habe niemand seine Geschichte hören wollen. Sein Nachruhm kam erst später – und auf digitalem Weg.
Im August 2020 verwendet der Publisher Activision Ausschnitte aus dem Interview von 1984 im Trailer zu Call of Duty: Black Ops Cold War. Die Website Kotaku wirft dem Spiel daraufhin vor, ohne Kontext einen Diskurs zu verbreiten, der rechtsextreme Theorien über den „Kulturmarxismus“ befeuert. Zugleich werden seine Vorträge von Forschern und Amtsträgern zitiert: Der Wikipedia-Eintrag nennt eine Fallstudie der US-amerikanischen Joint Special Operations University zum russisch-georgischen Krieg von 2008, einen Bericht des Penn Biden Center von Michael Carpenter und einen Lehrplan der Juristin Asha Rangappa in Yale. Und während der Pandemie dienen seine Videos dazu, Gesundheitsmaßnahmen als Stufe der „Demoralisierung“ darzustellen.
Besmenow ist so zu einem geteilten Objekt geworden: Zeuge für die einen, Prophet für andere, Propagandamaterial für wieder andere. Das ist kein Grund, ihn beiseitezuschieben. Es ist ein Grund, ihn aufmerksam zu lesen und zu trennen, was er gesehen und was er geglaubt hat. Darum wird es im nächsten Beitrag gehen.
# 03 — Analyserahmen
Analytischer Ansatz:
Kritische Biografie: die Legende vom „geläuterten KGB-Mann“ mit den von CBC News erlangten Akten des kanadischen Nachrichtendienstes konfrontieren, um Besmenows Zeugnis in seinen Kontext (Flucht, Marginalisierung, aktivistische Milieus der 1980er-Jahre) einzuordnen, bevor sein Modell untersucht wird.
Vertrauensniveau:
Hoch für die Chronologie und die Urteile der kanadischen Dienste (von CBC und Canada Declassified veröffentlichte Archivdokumente); mittel für einige biografische Angaben, die von Besmenow selbst oder aus Sekundärquellen (Wikipedia) stammen und als solche gekennzeichnet sind.
# Grenzen & Unsicherheiten
Die Umstände seines Todes (Herzinfarkt laut Windsor Star, Methanolvergiftung laut Familie) bleiben widersprüchlich.
Die Behauptung, drei Viertel der Nowosti-Belegschaft seien KGB-Offiziere gewesen, wurde nie unabhängig bestätigt.
Die Berichte der kanadischen Dienste spiegeln auch deren eigene Interessen wider, insbesondere das Vermeiden politischer Peinlichkeiten.
Einige Elemente (Verbindung zur John Birch Society, akademische Nutzung seiner Vorträge) stammen aus Sekundärquellen.
# Methodische Anmerkung
Die Analyse stützt sich auf die Recherche von Jorge Barrera (CBC News, 2022) und die von Canada Declassified (Universität Toronto) zusammengetragenen freigegebenen Dokumente, ergänzt um das Transkript des Interviews von 1984, den Wikipedia-Eintrag und dessen Pressebelege sowie das Werk von Andrew und Mitrochin (1999). Zitate aus englischsprachigen Quellen wurden vom Autor übersetzt. Zweiter Beitrag der Serie 1, „Auftakt: ein Wort, ein Mann, ein Video“.
# Quellen & Referenzen
- https://www.cbc.ca/newsinteractives/features/yuri-bezmenov-soviet-defector-canada
- https://declassified.library.utoronto.ca/exhibits/show/-chaos-agent–yuri-bezmenov/-chaos-agent–yuri-bezmenov
- https://en.wikipedia.org/wiki/Yuri_Bezmenov
- https://www.fisheaters.com/srpdf/bezmenovinterview.pdf
- https://kotaku.com/call-of-duty-trailer-recklessly-promotes-far-right-cons-1844869021
Paul-Michel Manandise – CEAS, Centre Européen d’Analyse Stratégique – ceas.info
Originalartikel: https://www.ceas.info/publication/yuri-bezmenov-prophete-posthume