# Ideologische Subversion: Die Rückkehr eines Wortes aus dem Kalten Krieg – zwischen realer Bedrohung und Hirngespinst
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Ein Video von 1984, Millionen Aufrufe, ein Wort, das man im Museum des Kalten Krieges verstaut glaubte: Die „ideologische Subversion“ ist zurück in unseren Newsfeeds. Sie bezeichnet zugleich sehr reale Operationen, die von staatlichen Diensten und Forschern dokumentiert sind, und ein bequemes Hirngespinst, mit dem sich jeder Gegner beschuldigen lässt. Diese Serie von fünfzig Beiträgen will beide Enden festhalten: die Bedrohung ernst nehmen, ohne der Paranoia nachzugeben.
Von Paul-Michel Manandise · 16. Oktober 2026 · CEAS Editorial Cell
Aus dem Französischen übersetzt. Ursprünglich veröffentlicht bei CEAS: https://www.ceas.info/publication/subversion-ideologique-retour-mot-guerre-froide
# Zentrale Befunde
- Ausschnitte aus dem Interview mit Juri Besmenow (1984) kursieren massenhaft in den sozialen Netzwerken und dienen gegensätzlichen Zwecken – von der Serie der New York Times über die Wurzeln von „Fake News“ bis zu Narrativen, die Lockdowns und Impfpflichten während Covid-19 als autoritäre Machtergreifung darstellen.
- Die Vermischung von Propaganda, Desinformation, Einflussnahme, hybrider Kriegführung und Subversion nützt vor allem denen, die manipulieren.
- Der Bericht von CAPS/IRSEM aus dem Jahr 2018 verwendet den Begriff „Informationsmanipulation“, definiert als „die absichtliche und massenhafte Verbreitung falscher oder verzerrter Nachrichten zu feindseligen politischen Zwecken“.
- Subversion ist der umfassendste Begriff und daher am leichtesten zu missbrauchen.
- Das Dekret Nr. 2021-922 zur Gründung von Viginum zielt auf Verhaltensweisen (ausländischer Ursprung, künstliche oder automatisierte Verbreitung, offenkundige Unwahrheit, Beeinträchtigung der grundlegenden Interessen der Nation), nicht auf Meinungen.
- Ausländische Manipulationsoperationen sind dokumentiert, von der sowjetischen Kampagne, die den Ursprung von Aids dem Pentagon zuschrieb, bis zur russischen RRN-Kampagne gegen Frankreich.
- Paranoia ist die spiegelbildliche Falle zur Naivität: Sie leugnet die eigenen Ursachen der Unzufriedenheit und kann bei Regierenden eine „freiheitsfeindliche Versuchung“ nähren.
# Ein Video, das nicht stirbt
1984 erklärt Juri Besmenow, ehemaliger Journalist der sowjetischen Agentur Nowosti, der 1970 in den Westen übergelaufen war, vor der Kamera des amerikanischen Essayisten G. Edward Griffin, Spionage sei nur ein kleiner Teil der Arbeit des KGB. Ihm zufolge würden „nur etwa 15 % der Zeit, des Geldes und des Personals“ für die eigentliche Aufklärung verwendet; „die übrigen 85 %“ entfielen auf „einen langsamen Prozess“, den er „ideologische Subversion“, „aktive Maßnahmen“ oder „psychologische Kriegführung“ nennt (Übersetzung des Autors nach dem Transkript des Interviews).
Ziel sei es, sagt er, „die Wahrnehmung der Wirklichkeit“ einer Bevölkerung so weit „zu verändern“, dass trotz einer Fülle von Informationen niemand mehr „in der Lage ist, zu vernünftigen Schlüssen zu kommen“, um seine Interessen zu verteidigen. Dann entfaltet er sein berühmtes Vier-Phasen-Modell: Demoralisierung, Destabilisierung, Krise, Normalisierung.
Ziel sei es, sagt er, „die Wahrnehmung der Wirklichkeit“ einer Bevölkerung so weit „zu verändern“, dass trotz einer Fülle von Informationen niemand mehr „in der Lage ist, zu vernünftigen Schlüssen zu kommen“, um seine Interessen zu verteidigen.
Vierzig Jahre später laufen diese Ausschnitte in Endlosschleife auf YouTube, TikTok und X. Wie der Journalist Jorge Barrera 2022 in einer ausführlichen Recherche für CBC News schilderte, wurden sie 2020 in einem Trailer zum Videospiel Call of Duty verwendet, von der New York Times in einer Serie über die Wurzeln von „Fake News“ genutzt und dann wiederverwertet, um Lockdowns und Impfpflichten während Covid-19 als Zeichen einer autoritären Machtergreifung darzustellen. Dasselbe Dokument dient also gegensätzlichen Zwecken. Das ist der erste Grund, sich damit zu befassen.
# Das Dickicht der Wörter
Der zweite Grund liegt im Vokabular. Man spricht unterschiedslos von Propaganda, Desinformation, Fake News, hybrider Kriegführung, Einflussnahme oder Subversion. Diese Wörter bedeuten nicht dasselbe, und ihre Vermischung nützt vor allem denen, die manipulieren.
Der Bericht Les manipulations de l’information, 2018 vom Planungsstab des französischen Außenministeriums (CAPS) und vom Institut für strategische Forschung der École militaire (IRSEM) veröffentlicht, benennt gleich zu Beginn diese „offenkundige terminologische Verwirrung“. Er stellt fest, dass es dank ihr manchen möglich ist, RT mit der BBC oder France 24 zu vergleichen oder das Problem kleinzureden, indem sie erklären, „alles ist Propaganda“. Die Autoren verwerfen daher mehrere als zu vage oder zu militarisiert erachtete Begriffe („Informationskrieg“, „hybrider Krieg“) und wählen den der Informationsmanipulation, definiert als „die absichtliche und massenhafte Verbreitung falscher oder verzerrter Nachrichten zu feindseligen politischen Zwecken“.
Für den weiteren Verlauf dieser Serie unterscheiden wir:
- Einflussnahme und Public Diplomacy, die alle Staaten offen betreiben und die an sich kein Problem darstellen;
- Propaganda, der organisierte Versuch, Meinungen und Verhalten zu lenken, der sich auf zutreffende Fakten stützen kann;
- Desinformation, die bewusste Verbreitung falscher oder irreführender Informationen, meist unter Verschleierung ihrer Quelle;
- aktive Maßnahmen, ein sowjetischer Begriff für eine Reihe verdeckter Einflussoperationen, von der Desinformation bis zur Finanzierung von Tarnorganisationen;
- und schließlich Subversion, der weiteste und unschärfste Begriff: die Vorstellung, ein Gegner wolle eine Gesellschaft von innen schwächen, indem er ihr Vertrauen in ihre Institutionen untergräbt und ihre Spaltungen ausnutzt.
Gerade weil Subversion der umfassendste Begriff ist, lässt er sich am leichtesten missbrauchen. In einem Beitrag im Club de Mediapart vom 19. März 2026, „Die Morgendämmerung des unsichtbaren Krieges“, erinnerte ich an seine Etymologie: das lateinische subvertere, „von unten umstürzen“. Das Wort sagt genau, was es bezeichnet: keinen Frontalangriff, sondern eine Wühlarbeit, die die Schwachstellen einer Gesellschaft von innen ausnutzt.
# Was das französische Recht festhält
Frankreich hat sich für eine enge und operative Definition entschieden. Das Dekret Nr. 2021-922 vom 13. Juli 2021, mit dem der Dienst für Wachsamkeit und Schutz vor ausländischer digitaler Einmischung (Viginum) beim Generalsekretariat für Verteidigung und nationale Sicherheit (SGDSN) geschaffen wurde, zielt auf Operationen, die mehrere Bedingungen zugleich erfüllen: Sie beziehen „direkt oder indirekt einen ausländischen Staat oder eine ausländische nichtstaatliche Einrichtung“ ein; sie zielen auf die „künstliche oder automatisierte, massenhafte und vorsätzliche Verbreitung“ von Online-Inhalten; sie betreffen „offenkundig unzutreffende oder irreführende Behauptungen oder Tatsachenunterstellungen“; und sie sind „geeignet, die grundlegenden Interessen der Nation zu beeinträchtigen“.
Dieses Raster hat einen Vorzug: Es zielt nicht auf Meinungen, auch nicht auf radikale, sondern auf Verhaltensweisen (ausländischer Ursprung, künstliche Koordination, offenkundige Unwahrheit). Ein französischer Aktivist, der die Regierung heftig kritisiert, fällt nicht darunter. Ein aus dem Ausland gesteuertes Netzwerk gefälschter Konten, das die Website von Le Monde imitiert, um gefälschte Artikel zu verbreiten, sehr wohl. Dasselbe Dekret richtet zudem einen Ethik- und Wissenschaftsausschuss ein, der die Tätigkeit des Dienstes begleitet – ein Zeichen dafür, dass sich der Gesetzgeber der Gefahr von Fehlentwicklungen bewusst war.
# Zwei spiegelbildliche Fallen
Die erste Falle ist Naivität. Manipulationsoperationen aus dem Ausland sind keine Erfindung einiger Experten auf der Suche nach Budgets. Die Archive des Kalten Krieges, die wir erkunden werden, dokumentieren sehr reale sowjetische Kampagnen, etwa jene, die in den 1980er-Jahren den Ursprung von Aids dem Pentagon zuschrieb. Seit 2023 hat Viginum ausführliche Berichte über russische Operationen gegen Frankreich veröffentlicht, darunter die RRN-Kampagne, die das grafische Erscheinungsbild französischer Tageszeitungen kopierte. Für einen Leser, der die Ukraine von innen kennt, sind diese Mechanismen alles andere als abstrakt: Sie begleiten den Krieg seit 2014.
Die zweite Falle ist Paranoia. Hinter jedem sozialen Unmut, jeder Studentenbewegung oder jeder Protestwahl die Hand Moskaus zu sehen, heißt zu leugnen, dass Bürger eigene Gründe für ihre Unzufriedenheit haben. Der Bericht von CAPS/IRSEM warnt vor einer „indirekten Wirkung“ der Manipulationen: bei Regierenden eine „freiheitsfeindliche Versuchung“ zu wecken, sie also zu Maßnahmen zu drängen, die ihren eigenen demokratischen Werten widersprechen, was die Spaltungen weiter vertieft. Der Historiker und Russlandexperte Mark Galeotti macht eine ähnliche Bemerkung: Es sei sehr leicht geworden, hinter jedem Rückschlag die Hand des Kremls zu sehen, was Wladimir Putin mehr Einfluss zuschreibt, als er tatsächlich hat. Und Galeotti fügt hinzu, dies sei vielleicht „die größte aktive Maßnahme von allen“.
# Was diese Serie vorschlägt
Diese Serie wird in acht Schritten vorgehen: das Besmenow-Modell und sein Urheber; die sowjetischen Archive; Putins Russland; die Ukraine als erste Front; Frankreich und Europa als Ziele, auf Grundlage der Berichte von Viginum und der Arbeiten von EU DisinfoLab oder EUvsDisinfo; die Kritik am Begriff und seine verschwörungstheoretischen Verwendungen; die großen Propagandatheorien von Bernays bis Ellul; und schließlich die Werkzeuge demokratischer Resilienz.
Diese Serie setzt auch die Beiträge fort, die ich seit Herbst 2025 im Club de Mediapart unter dem Titel „Der unsichtbare Krieg“ veröffentlicht habe. Darin vertrat ich, was ich eine „Gegen-Kunst des Krieges“ nannte: die Bürger schon in der Schule in „Informationshygiene“ zu schulen; Propaganda nicht nur zu dementieren, sondern ihre Finanzierungsnetze, Trollfabriken und lokalen Multiplikatoren zu „kartieren“, um sie Justiz und Öffentlichkeit preiszugeben; und auf Manipulation „nicht mit der sterilen Brutalität der Zensur“, sondern mit der Klarheit der Fakten zu antworten. Dieser Anspruch gilt auch für uns selbst: Er verlangt, unsere eigenen Modelle, einschließlich meines, derselben Kritik zu unterziehen wie die der anderen.
Unsere Methode wird einfach sein: unterscheiden, was bewiesen, was plausibel und was bloß behauptet ist. Quellen zitieren, und zwar nur überprüfbare. Grenzen benennen, auch die der Dienste, die Desinformation bekämpfen. Denn eine Demokratie, die sich gegen Manipulation verteidigt, indem sie selbst manipuliert, hätte bereits verloren.
# Grenzen & Unsicherheiten
Besmenows Modell (Aufteilung 15 % / 85 %, vier Phasen) beruht auf der Aussage eines Überläufers; dieser Beitrag stellt es dar, ohne es zu bewerten – die kritische Prüfung ist für den weiteren Verlauf der Serie vorgesehen.
Das Besmenow-Zitat ist eine Übersetzung des Autors auf Grundlage des Interview-Transkripts.
Dieser Auftaktbeitrag setzt einen Rahmen und kündigt Weiteres an; er analysiert die genannten Kampagnen (INFEKTION, RRN) nicht im Detail.
Die französische Definition von Viginum ist bewusst eng gefasst und deckt nicht alle Einflussphänomene ab.
Auch die Berichte der Dienste, die Desinformation bekämpfen, haben Grenzen, auf die die Serie hinzuweisen sich verpflichtet.
# Methodische Anmerkung
Die Analyse stützt sich ausschließlich auf offene und überprüfbare Quellen: das Transkript des Interviews von 1984, eine journalistische Recherche (CBC News, 2022), den Bericht von CAPS/IRSEM (2018), das auf Légifrance veröffentlichte Dekret Nr. 2021-922, den technischen Bericht von Viginum zu RRN (2023) sowie Arbeiten von Mark Galeotti (Marshall Center, 2019) und Thomas Boghardt (Studies in Intelligence, 2009). Das Besmenow-Zitat wurde vom Autor nach dem Interview-Transkript übersetzt. Die Methode unterscheidet, was bewiesen, was plausibel und was bloß behauptet ist, und unterzieht die Modelle des Autors derselben Kritik wie die anderer. Erster Beitrag einer Serie über ideologische Subversion.
# Quellen & Referenzen
- Yuri Bezmenov – G. Edward Griffin, interview (1984), transcript: https://www.fisheaters.com/srpdf/bezmenovinterview.pdf
- Jorge Barrera, “Chaos agent”, CBC News, 05.02.2022: https://www.cbc.ca/newsinteractives/features/yuri-bezmenov-soviet-defector-canada
- J.-B. Jeangène Vilmer, A. Escorcia, M. Guillaume, J. Herrera, Les manipulations de l’information : un défi pour nos démocraties, CAPS/IRSEM, 2018: https://www.irsem.fr/storage/file_manager_files/2025/03/les-manipulations-de-l-information.pdf
- Décret n° 2021-922 du 13 juillet 2021 (Viginum), Légifrance: https://www.legifrance.gouv.fr/jorf/id/JORFTEXT000043788361
- Viginum, RRN : une campagne numérique de manipulation de l’information complexe et persistante, 19.06.2023: https://www.sgdsn.gouv.fr/files/files/Publications/20230619_NP_VIGINUM_RAPPORT-CAMPAGNE-RRN_VF.pdf
- Mark Galeotti, “Active Measures: Russia’s Covert Geopolitical Operations”, Marshall Center Security Insight, no. 31, 06.2019: https://www.marshallcenter.org/en/publications/security-insights/active-measures-russias-covert-geopolitical-operations-0
- Thomas Boghardt, “Operation INFEKTION”, Studies in Intelligence, 53/4, 2009: https://www.cia.gov/resources/csi/static/1-Operation_INFEKTION_Soviet_Bloc_AIDS_Disinformation_Campaign.pdf
- Paul-Michel Manandise, « 1. L’aube de la guerre invisible », Club de Mediapart, 19.03.2026: https://blogs.mediapart.fr/1759733/blog/190326/1l-aube-de-la-guerre-invisible-par-le-colonel-paul-michel-manandise
Paul-Michel Manandise – CEAS, Centre Européen d’Analyse Stratégique – ceas.info
Originalartikel: https://www.ceas.info/publication/subversion-ideologique-retour-mot-guerre-froide